Fünf internationale Lösungen für eine bessere Work-Life-Balance: Warum sechs Stunden Arbeit am Tag genug sind!

"Holland", sagte einst ein Ex-Freund, ein amerikanischer Gitarrist, zu mir, "ist das Land des Glücks schlechthin. Die Leute sind weniger rassistisch. Sie dürfen, ohne Strafen zu befürchten, Marihuana rauchen, und arbeiten wenig." Da ich damals, als wir dieses Gespräch führten, gerade mein Studium abgeschlossen hatte und sich die Bewerbungsprozesse für mein angestrebtes Volontariat in einer Nachrichtenredaktion länger hinzogen, versuchten wir unser Glück und zogen nach Hilversum unweit von Amsterdam.

 

 

Mein Niederländisch ging zunächst nicht weit über "Dank u wel" (vielen Dank) und "tot ziens" (Tschüss) hinaus. Und so kamen bei der Jobsuche nur die Unternehmen in Frage, in denen Englisch Arbeitssprache war. Ich landete in der europäischen Firmenzentrale von Nike, als Assistentin der Logistikabteilung. Das war natürlich ein eher untypischer Job für eine Geisteswissenschaftlerin. Aber immerhin: Ich erhielt tiefen Einblick in die amerikanische Arbeitskultur, mitten in Holland.

Nike versuchte uns zwar das Arbeiten so angenehm wie möglich zu gestalten. Es gab ergonomische Bürostühle, ein Fitnessstudio, Aerobic-Kurse in der Mittagspause, eine Jogging-Bahn rund um das Firmengelände, irgendwann sogar eine Eislaufhalle. Die Mitarbeiter, ganz besonders in den Führungsetagen, machten zwar viel Sport, lebten aber quasi auf dem Gelände. Kein Wunder, dass die Kantine und die Teeküchen zu Anbahnungsorten für Affären und Beziehungen wurden. 

Auch ich hatte in diesem Jahr, das ich in den Niederlanden verbrachte, kaum Kontakte zur Außenwelt. Mein Privatleben beschränkte sich auf die wenigen Stunden am Wochenende, die selten reichten, um sich von der Arbeitsbelastung in der Woche wirklich zu erholen. Mein damaliger Freund hatte als Musiker vor aber vor allem dann zu arbeiten. Das war keine gute Basis für ein glückliches Beziehungsleben.

Alle arbeiteten wie verrückt, auch meine niederländischen Kollegen. Zwölf Stunden, manchmal gar mehr, waren relativ  normal. Ich saß nicht selten mit Kollegen bis Mitternacht an einer Präsentation.  Dafür durften wir dann ab und an morgens eine halbe Stunde später erscheinen.

Ich verbrachte meine Zeit bei Nike also quasi in einer arbeitsamen Blase, während die Niederländer rings um das Firmengelände herum ihrer Feierabend-Kultur huldigten. Während wir uns immer weiter erschöpften, trank ein Großteil der Niederländer bereits das erste pilsje, genoß im Park hagelslag oder schluckte an einem netten Plätzchen am Meer ein broodje haring herunter.

Bereits damals, kurz nach meinem Studium, war Teilzeit in den Niederlanden recht verbreitet. Heute arbeiten 76 Prozent der Frauen und 27 Prozent der Männer weniger als 36 Stunden in der Woche. Auch in Führungspositionen ist Teilzeit recht verbreitet. Die Niederländer machen sogar noch weniger Überstunden als die Schweden. 0.5 Prozent der Angestellten arbeitet regelmäßig mehr als 50 Stunden in der Woche, in Deutschland sind das anteilsmäßig 16 mal so viel.

Wissenschaftliche Studien bestätigen, dass die Niederländer mit ihrer entspannten Einstellung zur Arbeit exakt richtig liegen. Das Land findet sich regelmäßig ganz weit oben in den internationalen Wellbeing-Statistiken wieder.

Die Niederländer arbeiten zwar europaweit am wenigsten, aber sie sind extrem produktiv. Weltweit steht Holland in Sachen Produktivität pro geleisteter Arbeitsstunde auf Platz fünf. Und das kommt nicht von ungefähr. Wer sagt eigentlich, und das fragen sich vor allem die Holländer, dass acht Stunden Arbeit am Tag (häufig mehr) Vollzeitbeschäftigung definieren soll? Die 40-Stunden-Woche ist ohnehin ein Zufallsprodukt der frühen Industrialisierung, basierend auf dem klassischen Dreischicht-System in den Fabriken. Es ist allerdings auch ein von den Gewerkschaften hart erkämpftes Gut. Jegliche Debatte über eine Verkürzung der Arbeitszeit wurde in den vergangenen Jahrzehnten von Seiten der Arbeitgeber in der Regel direkt im Keim erstickt.

Das Absurde daran ist: Wirtschaftlich macht das viele Arbeiten eigentlich gar keinen Sinn, im Gegenteil. Viele Studien zeigen, dass die Menschen sich vier bis sechs Stunden am Tag ernsthaft konzentrieren können. Danach fällt die Leistung massiv ab. Mitarbeiter, die nur sechs Stunden am Tag arbeiten, sind leistungsfähiger und werden seltener krank.

 Natürlich kostet eine Umstrukturierung auf eine kürzere Vollzeit die Unternehmen zunächst nicht wenig. Neue Leute müssen eingestellt, die Arbeit anders verteilt werden. Aber wie Versuche mit dem 6-Stunden-Tag im schwedischen Göteborg zeigen, zahlt sich solch eine Umstellung langfristig aus. Die Qualität der Arbeit steigt, die Mitarbeiter sind viel zufriedener. Sie haben Zeit, die ihnen - und das ist ganz wesentlich - offiziell, gesellschaftlich gegönnt wird. Sie ist damit nicht einfach nur ein persönlicher Luxus, den sich nur Gutverdiener leisten können.

In der Schweiz gibt es seit ein paar Jahren eine wenn auch kleine, aber feine Debatte über die oft sehr folgenreiche Überstundenkultur. Ausgelöst wurde die Diskussion durch einige Selbstmorde sehr namenhafter Topmanager. Diese hatten keinen anderen Ausweg als den Freitod gesehen, als es mit ihrem Unternehmen bergab ging. Sie hatten einen Großteil ihres Lebens der Firma gewidmet, keinen Platz mehr für andere Dinge im Leben gelassen, die sie hätten auffangen können.

Die Initiative DER TEILZEITMANN setzt sich seit mehreren Jahren dafür ein, mehr Schweizer Männer dazu zu bewegen, ihre Stundenzahl zu reduzieren, ganz besonders aber auch für mehr Akzeptanz bei den Arbeitgebern zu werben. Innerhalb weniger Jahre stieg die Teilzeitquote unter Männern auf immerhin 16% an. 

Die Stundenzahl selbst ein wenig zu reduzieren, wenn man es sich denn leisten kann, kann zunächst eine Übergangslösung sein. Doch Teilzeit hat nach wie vor ein schlechtes Image, ist mit schlechterer Bezahlung (pro Stunde) und wesentlich geringeren Karrierechancen verbunden. Außerdem haben Arbeitnehmer bisher nicht das Recht auf Vollzeit zurückzukehren. Und das macht die Sache riskant. Nach wie vor sind es vor allem die Frauen, die reduzieren. Sie sind deshalb nach einer Trennung häufig auf finanzielle Aufstockung durch das Arbeitsamt angewiesen.

 In den vielen Gesprächen, die ich derzeit mit Beschäftigten verschiedenster beruflicher Hintergründe führe, erzählen sie mir immer wieder von einem Traum: 30 Stunden in der Woche zu arbeiten und davon leben zu können, das wäre toll! Und diese Kommentare kommen zu gleichen Anteilen sowohl von Frauen als auch von Männern. Bei einer Umfrage der IG-Metall mit einer Stichprobe von über 500.000 Beschäftigten formulierte die überwiegende Mehrheit den Wunsch, 35 Stunden oder sogar weniger zu arbeiten.

Zeitpolitik wird in den nächsten Jahren wieder ein großes Thema werden, verlautet es aus DGB-Kreisen. Man kann es nur hoffen, denn um die Gewerkschaften war es in den vergangenen Jahrzehnten doch recht still. Nur wenige Politiker trauen sich bisher, abgesehen von Familienministerin Manuela Schwesig, das Thema in die Hand zu nehmen. Doch derzeit wird eifrig an neuen Parteiprogrammen geschrieben. Und, so verlautet es aus Gewerkschaftskreisen: Das Thema Arbeitszeit ist darin bei den meisten fester Bestandteil.

Zeit ist ein Gut, das sich durch kein anderes Gut ersetzen ersetzen lässt. Das Leben ist derart unberechenbar, dass vieles lieber im Jetzt gelebt werden kann und sollte.

Die australische Autorin Bronnie Ware begleitete mehrere Monate lang Sterbende und sprach mit ihnen darüber, was sie in ihrem Leben am meisten bereut hätten. Die Menschen, die sie traf, stellten sehr oft fest, dass sie ihre eigenen Wünsche hinten angestellt und zuviel gearbeitet haben. Sie hätten sich zu wenig Zeit für Familie und Freunde genommen und sich nicht erlaubt, glücklich zu sein.

Natürlich ist auch in Holland nicht alles Gold was glänzt, natürlich gibt es auch dort Ungleichheit und Überstunden. Aber ob in Amsterdam, Utrecht, Delft und sonstwo: In den Niederlanden gibt es einen gesellschaftlichen Konsens, das Leben lieber jetzt zu leben.

John Meynard Keynes hatte in den 30er Jahren vorhergesagt, dass wir spätestens 2030 alle nur noch 15 Stunden in der Woche arbeiten müssen. Die Technik und damit die Produktivität würde so rasant voranschreiten, dass wir mit ein paar Stunden Arbeit in der Woche unser Soll erledigt hätten. Und mit diesem Soll könnten wir unsere grundlegenden materiellen Bedürfnisse erfüllen.

Menschen arbeiten so effizient wie noch nie zuvor in der Geschichte, trotzdem arbeiten sie viel mehr als ihnen guttut. Und oft reicht oft das nicht für ein gutes Leben.

Der französische Ökonom Thomas Piketty hat nachgewiesen, dass die Einkommensverteilung wieder ein Niveau wie zu feudalistischen Zeiten erreicht hat. In „ Kapital im 21. Jahrhundert“ schreibt er: Heute wie damals gibt es eine kleine Gruppe extrem reicher Menschen, die über einen gewaltigen Teil aller Einkommens- und Vermögenswerte verfügen, während der weitaus größere Teil der Menschheit wenig mehr besitzt als die Arbeitskraft.

Das Beispiel Holland zeigt, dass eine Reduzierung der Arbeitszeit weder zur Verarmung breiter Bevölkerungsschichten führt noch die Wirtschaft in den Ruin treibt. 98 Jahre nach der offiziellen gesetzlichen Einführung des 8-Stunden-Tages ist es an der Zeit über eine Neudefinition von Vollzeit nicht nur nachzudenken, sondern vehement dafür einzutreten!

zu Teil 1